Wann zum Neurologen? Symptome und Untersuchungen
Nervensache: Wann der Neurologe der richtige Arzt ist
Plötzliches Taubheitsgefühl im Arm. Kopfschmerzen, die sich von allem unterscheiden, was Sie bisher kannten. Ein Zittern der Hände, das neu aufgetreten ist und nicht mehr aufhört. Neurologische Symptome lösen oft große Sorgen aus – und das ist verständlich, denn das Nervensystem steuert alles in unserem Körper: Bewegungen, Empfindungen, Denken, Sprechen. Wann aber sollten Sie tatsächlich einen Neurologen aufsuchen? Die Grundregel: Wenn neurologische Symptome plötzlich auftreten, sich verschlechtern, immer wiederkommen oder Ihren Alltag beeinträchtigen. Und bei manchen Symptomen zählt jede Minute.
Notfall-Warnsignale: Sofort 112 anrufen
Bevor wir über den geplanten Neurologen-Besuch sprechen, zunächst die Situationen, in denen Sie sofort den Rettungsdienst (112) rufen sollten – hier geht es um Minuten:
- Plötzliche einseitige Lähmung oder Schwäche – im Gesicht (hängendes Mundwinkel), im Arm oder im Bein – das klassische Zeichen eines Schlaganfalls
- Plötzliche Sprachstörungen – verwaschene Sprache, Wortfindungsstörungen, Unfähigkeit zu sprechen oder zu verstehen
- Plötzliche Sehstörungen – Doppelbilder, Gesichtsfeldausfall (Sie sehen plötzlich auf einer Seite nichts mehr)
- Stärkster Kopfschmerz Ihres Lebens – schlagartiger Beginn, „wie ein Blitzschlag“ – kann auf eine Gehirnblutung (Subarachnoidalblutung) hindeuten
- Erstmaliger epileptischer Anfall – besonders wenn er länger als 5 Minuten dauert
- Bewusstlosigkeit unklarer Ursache
Merken Sie sich die FAST-Regel für den Schlaganfall: Face (Gesicht: Bitten Sie die Person zu lächeln – hängt ein Mundwinkel?), Arms (Arme: Kann die Person beide Arme heben und oben halten?), Speech (Sprache: Kann die Person einen einfachen Satz klar nachsprechen?), Time (Zeit: Sofort 112 anrufen!). Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute – die Behandlung im Krankenhaus (Thrombektomie oder Thrombolyse) ist nur innerhalb weniger Stunden möglich.
Migräne: Mehr als nur starke Kopfschmerzen
Migräne betrifft etwa 10-15% der Bevölkerung – Frauen dreimal häufiger als Männer – und ist weit mehr als ein gewöhnlicher Kopfschmerz. Typisch sind pulsierende, meist einseitige Kopfschmerzen mittlerer bis starker Intensität, die Stunden bis Tage anhalten können. Begleitet werden sie häufig von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Viele Betroffene können während einer Attacke kaum etwas tun und müssen sich in einen dunklen, ruhigen Raum zurückziehen.
Zum Neurologen sollten Sie bei Migräne, wenn:
- Sie mehr als 3-4 Migräneattacken pro Monat haben
- Freiverkäufliche Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol) nicht mehr wirken
- Sie regelmäßig Schmerzmittel an mehr als 10 Tagen pro Monat nehmen – dann droht ein medikamentös bedingter Kopfschmerz, ein Teufelskreis
- Die Migräne mit Aura auftritt – Sehstörungen (Flimmern, Zickzacklinien), Kribbeln, Taubheit oder Sprachprobleme vor dem Kopfschmerz
- Die Migräne sich verändert hat – andere Qualität, stärker als gewohnt, häufiger, neue Begleitsymptome
- Die Migräne erstmals nach dem 50. Lebensjahr auftritt – das muss abgeklärt werden
Der Neurologe hat ein breites Arsenal an Behandlungsmöglichkeiten: Für die Akuttherapie Triptane (verschreibungspflichtige Migräne-Spezialmedikamente), für die Vorbeugung (Prophylaxe) klassische Medikamente wie Betablocker, Topiramat oder Amitriptylin. Und dann gibt es die CGRP-Antikörper (Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab) – eine echte Revolution in der Migränebehandlung der letzten Jahre. Diese Medikamente werden einmal im Monat gespritzt und können die Zahl der Migränetage deutlich reduzieren. Für Menschen mit häufiger Migräne kann das lebensverändernd sein.
Taubheitsgefühle und Kribbeln
Ein taubes Gefühl in den Fingern, Kribbeln in den Füßen, ein „Ameisenlaufen“ auf der Haut – solche Sensibilitätsstörungen können verschiedene Ursachen haben, von harmlos bis ernst:
- Karpaltunnelsyndrom: Taubheit und Kribbeln in Daumen, Zeige- und Mittelfinger, besonders nachts. Durch Druck auf den Mittelnerv am Handgelenk. Eine der häufigsten Nervenengpass-Syndrome, gut behandelbar.
- Polyneuropathie: Taubheit und Kribbeln symmetrisch in beiden Füßen oder Händen, oft strumpf- oder handschuhförmig. Häufig bei Diabetes mellitus oder bei chronischem Alkoholkonsum. Auch Vitamin-B12-Mangel oder Medikamentennebenwirkungen können die Ursache sein.
- Bandscheibenvorfall: Taubheit in einem bestimmten Hautareal (Dermatom), das dem betroffenen Nerv entspricht. Oft begleitet von Rückenschmerzen.
- Multiple Sklerose: Taubheit, die kommt und geht, an wechselnden Körperstellen. Oft eines der ersten Symptome der MS. Besonders bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 40 sollte an MS gedacht werden.
Wenn Taubheitsgefühle neu auftreten, länger als einige Tage anhalten oder sich ausbreiten, sollten Sie zum Neurologen. Er kann mit Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen (NLG) und anderen Tests die Ursache eingrenzen und eine gezielte Behandlung einleiten.
Multiple Sklerose (MS)
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), die meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr beginnt. Das Immunsystem greift irrtümlich die Schutzhülle der Nervenfasern (Myelin) an und verursacht Entzündungsherde. Die Symptome können extrem vielfältig sein – je nachdem, wo im Nervensystem die Entzündung sitzt:
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Schmerzen beim Bewegen der Augen (Optikusneuritis – oft das erste Symptom)
- Taubheitsgefühle und Kribbeln: An verschiedenen Körperstellen, oft halbseitig oder in den Beinen
- Lähmungen oder Schwäche: In Armen oder Beinen, ein Bein zieht nach
- Gleichgewichtsstörungen: Unsicherer, schwankender Gang
- Extreme Müdigkeit (Fatigue): Unverhältnismäßige Erschöpfung, die durch Schlaf nicht besser wird – eines der häufigsten und belastendsten Symptome
- Blasenstörungen: Häufiger Harndrang, Inkontinenz
Die Diagnose erfolgt durch den Neurologen, typischerweise mit MRT des Kopfes und Rückenmarks (zeigt die Entzündungsherde als helle Flecken) und einer Lumbalpunktion (Nervenwasseruntersuchung). Frühe Diagnose und Behandlung sind entscheidend – moderne immunmodulierende Medikamente können den Verlauf der MS erheblich verlangsamen und Schübe reduzieren. Die Therapie hat sich in den letzten 20 Jahren dramatisch verbessert: Viele MS-Patienten führen heute ein weitgehend normales Leben.
Epilepsie: Mehr als Krampfanfälle
Ein epileptischer Anfall muss nicht dramatisch mit Krampfen am ganzen Körper und Bewusstlosigkeit ablaufen. Es gibt viele verschiedene Anfallsformen:
- Absencen: Kurze Bewusstseinspausen (Sekunden), besonders bei Kindern – das Kind starrt kurz ins Leere und reagiert nicht
- Fokale Anfälle: Zuckungen einer Hand oder eines Arms, seltsame Empfindungen, ungewöhnliche Gerüche, Déjà-vu-Erlebnisse
- Generalisierte tonisch-klonische Anfälle: Die klassische Form mit Bewusstlosigkeit, Muskelversteifung und rhythmischem Zucken
Nach einem erstmaligen epileptischen Anfall sollten Sie unbedingt zum Neurologen. Er wird eine Diagnostik einleiten (EEG, MRT), um die Ursache zu finden und zu entscheiden, ob eine medikamentöse Behandlung (Antikonvulsiva) nötig ist. Nicht jeder einzelne Anfall bedeutet Epilepsie – aber eine Abklärung ist in jedem Fall wichtig.
Nervenschmerzen (Neuropathische Schmerzen)
Neuropathische Schmerzen fühlen sich fundamental anders an als gewöhnliche Schmerzen: brennend, stechend, elektrisierend, manchmal wie Nadelstiche oder wie Ameisen unter der Haut. Sie entstehen durch Schädigungen oder Fehlfunktionen der Nerven selbst und sprechen auf herkömmliche Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol) oft schlecht an. Häufige Ursachen:
- Diabetische Polyneuropathie: Brennende Füße, besonders nachts, bei langjährigem Diabetes. Eine der häufigsten Neuropathien überhaupt.
- Postzoster-Neuralgie: Anhaltende Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose, die Wochen bis Monate nach Abheilen des Ausschlags fortbestehen können. Besonders häufig bei älteren Patienten.
- Trigeminusneuralgie: Blitzartige, extrem heftige Gesichtsschmerzen, ausgelöst durch Berührung, Kauen oder Wind im Gesicht. Gehört zu den stärksten bekannten Schmerzformen.
- Phantomschmerzen: Nach Amputationen.
Der Neurologe kann spezielle Medikamente gegen Nervenschmerzen verordnen – Antikonvulsiva (Pregabalin, Gabapentin) oder bestimmte Antidepressiva (Duloxetin, Amitriptylin), die bei Nervenschmerzen nachweislich wirksam sind, auch wenn keine Depression vorliegt. Manchmal werden auch Capsaicin-Pflaster oder Lidocain-Pflaster eingesetzt.
Zittern (Tremor): Wann ist es Parkinson?
Ein leichtes Zittern der Hände kennt jeder bei Aufregung, Kälte oder nach dem dritten Espresso. Zum Neurologen sollten Sie, wenn:
- Das Zittern neu aufgetreten ist und nicht mehr aufhört
- Es einseitig ist oder auf einer Seite deutlich stärker
- Es in Ruhe auftritt und bei Bewegung besser wird (Ruhetremor – typisch für Parkinson)
- Es mit anderen Symptomen einhergeht: langsame Bewegungen, steife Muskeln, kleiner werdende Handschrift, leiser werdende Stimme, Gleichgewichtsprobleme
- Verwandte ersten Grades Parkinson haben
Diese Kombination kann auf Morbus Parkinson hindeuten – eine Erkrankung, die durch den Verlust dopaminproduzierender Nervenzellen verursacht wird. Die wichtige Botschaft: Parkinson ist gut behandelbar, besonders wenn er früh erkannt wird. Medikamente (L-Dopa, Dopaminagonisten) können die Symptome über viele Jahre wirksam kontrollieren. Auch der essentielle Tremor – die häufigste Tremorform, bei der die Hände beim Halten von Gegenständen oder bei Bewegungen zittern – kann neurologisch behandelt werden.
Was macht der Neurologe? Wichtige Untersuchungen
Neurologische Untersuchung
Der Neurologe prüft systematisch Ihre Nervenfunktionen: Reflexe (mit dem Reflexhammer), Muskelkraft, Koordination (Finger-Nase-Test), Empfindung (Berührung, Schmerz, Vibration), Gleichgewicht, Gang und die 12 Hirnnerven (Sehen, Augenbewegungen, Gesichtsmotorik, Schlucken etc.). Das dauert 15-30 Minuten und liefert dem Neurologen bereits viele wertvolle Hinweise auf die Ursache Ihrer Beschwerden.
MRT (Magnetresonanztomographie)
Die wichtigste bildgebende Untersuchung in der Neurologie. Das MRT zeigt Gehirn und Rückenmark in hoher Auflösung – Entzündungsherde (MS), Tumoren, Durchblutungsstörungen (Schlaganfall), Blutungen und degenerative Veränderungen werden sichtbar. Keine Strahlung (anders als CT), aber Sie müssen 20-45 Minuten ruhig in einer Röhre liegen. Die Geräusche sind laut – Sie bekommen Kopfhörer oder Ohrstöpsel. Bei Platzangst sprechen Sie vorher mit dem Team – es gibt Möglichkeiten zur Beruhigung, und in manchen Zentren offene MRT-Geräte.
EEG (Elektroenzephalographie)
Die Hirnströme werden über Elektroden auf der Kopfhaut gemessen – schmerzfrei, ohne Strahlung. Besonders wichtig bei Verdacht auf Epilepsie. Das EEG zeigt, ob es auffällige elektrische Aktivitätsmuster gibt. Dauer: 20-30 Minuten. Manchmal wird ein Langzeit-EEG (24-72 Stunden) durchgeführt, um sporadisch auftretende Anfälle zu erfassen.
Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und Elektromyographie (EMG)
Wie schnell leiten Ihre Nerven? Wie reagieren Ihre Muskeln auf Nervensignale? Die NLG-Messung zeigt, ob Nerven geschädigt sind und wo genau das Problem sitzt. Das EMG prüft die Muskelaktivität mit einer feinen Nadel. Beide Untersuchungen helfen bei der Diagnose von Nervenschäden (Polyneuropathie, Karpaltunnelsyndrom) und Muskelerkrankungen. Die NLG-Messung fühlt sich wie leichte Stromstöße an – unangenehm, aber erträglich und schnell vorbei.
Neurologen in Ihrer Nähe finden
Auf unserer Neurologie-Übersichtsseite finden Sie Neurologen in ganz Deutschland. Ob Kopfschmerzspezialist, MS-Zentrum, Epileptologe, Bewegungsstörungsexperte oder Schmerzmediziner – hier finden Sie den passenden Arzt in Ihrer Nähe.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Neurologe und Psychiater?
Der Neurologe behandelt organische Erkrankungen des Nervensystems – Schlaganfall, Epilepsie, MS, Parkinson, Nervenschmerzen, Migräne, Polyneuropathie. Der Psychiater behandelt psychische Erkrankungen – Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie, bipolare Störungen. Manchmal überschneiden sich die Gebiete, z.B. bei Demenz, psychosomatischen Beschwerden oder Depressionen bei neurologischen Erkrankungen. Es gibt auch den „Nervenarzt“ (Facharzt für Nervenheilkunde), der beide Gebiete abdeckt.
Wie lange muss ich auf einen Neurologen-Termin warten?
Die Wartezeiten beim Neurologen sind leider oft lang – 2-6 Monate für Routinetermine sind keine Seltenheit. Bei akuten oder dringenden Symptomen (Lähmungen, neue Anfälle, plötzlicher starker Tremor, akuter Hörverlust mit Schwindel) fragen Sie nach einem Dringlichkeitstermin. Die Terminservicestelle 116 117 kann ebenfalls vermitteln. In akuten Notfällen gehen Sie direkt in die Notaufnahme.
Brauche ich eine Überweisung zum Neurologen?
Formal nein, aber eine Überweisung beschleunigt oft den Prozess, weil der Neurologe dann schon Vorbefunde hat und die Untersuchung gezielter planen kann. Manche Praxen bevorzugen Patienten mit Überweisung. Bei akuten Symptomen gehen Sie direkt hin oder in die Notaufnahme – hier brauchen Sie keine Überweisung.
Kann der Hausarzt Migräne behandeln?
Ja, bei gelegentlicher Migräne (weniger als 3-4 Attacken pro Monat) ist der Hausarzt oft ausreichend. Er kann Triptane verschreiben und eine Basisbehandlung einleiten. Zum Neurologen sollten Sie, wenn die Migräne häufig ist (mehr als 3-4 Tage pro Monat), die Behandlung nicht anspricht, Sie eine Prophylaxe brauchen oder die Migräne sich verändert hat.
Ist ein MRT vom Kopf gefährlich?
Nein, ein MRT arbeitet mit Magnetfeldern und Radiowellen, nicht mit Röntgenstrahlung. Es gibt keine bekannten gesundheitlichen Risiken, und die Untersuchung kann beliebig oft wiederholt werden. Kontraindikationen bestehen bei bestimmten metallischen Implantaten (z.B. manche älteren Herzschrittmacher, Cochlea-Implantate, Metallsplitter im Auge). Informieren Sie den Arzt und das MRT-Team unbedingt über alle Implantate, Metallteile und Operationen vor der Untersuchung.