Telemedizin in Deutschland: Online zum Arzt

Zum Arzt, ohne das Haus zu verlassen?

Telemedizin in Deutschland: Online zum Arzt

Seit der Corona-Pandemie hat die Telemedizin in Deutschland einen gewaltigen Sprung gemacht. Was vorher bürokratisch kaum möglich war, ist heute Alltag: Videosprechstunden, elektronische Rezepte und sogar Krankschreibungen — alles digital. Und die gesetzlichen Krankenkassen zahlen das auch noch. Aber wann macht eine Videosprechstunde wirklich Sinn, und wo stößt sie an Grenzen?

Videosprechstunde: So funktioniert es

Die Videosprechstunde ist technisch simpel: Sie brauchen ein Gerät mit Kamera (Smartphone, Tablet, Laptop), eine stabile Internetverbindung und einen Termin bei einem Arzt, der Videosprechstunden anbietet. Mehr nicht. Keine spezielle Software, keine Vorkenntnisse.

Schritt für Schritt zur Videosprechstunde

  1. Termin buchen: Über die Website der Praxis, Plattformen wie Doctolib oder direkt per Telefon. Viele Praxen bieten inzwischen Online-Terminbuchung mit der Option Videosprechstunde an.
  2. Link erhalten: Sie bekommen einen Zugangslink per E-Mail oder SMS — meistens am Vortag oder einige Stunden vor dem Termin.
  3. Einwählen: Zum vereinbarten Zeitpunkt klicken Sie den Link an. Die meisten Systeme funktionieren direkt im Browser, ohne App-Installation.
  4. Gespräch führen: Der Arzt sieht und hört Sie, kann Befunde besprechen und bei Bedarf ein eRezept oder eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen.

Die Plattformen, die Ärzte nutzen dürfen, müssen von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zertifiziert sein. Datenschutz und Verschlüsselung sind also gewährleistet — deutlich sicherer als ein normaler Telefonanruf.

Welche Anbieter gibt es?

Der Markt für Telemedizin wächst rasant. Neben der Videosprechstunde beim eigenen Hausarzt gibt es reine Online-Arztpraxen, die rund um die Uhr erreichbar sind:

  • Teleclinic: Einer der größten Anbieter in Deutschland, viele Fachrichtungen verfügbar. Wartezeiten oft unter 30 Minuten.
  • Kry: Schwedischer Anbieter, auch in Deutschland aktiv. Besonders gute App mit integrierter Terminbuchung.
  • Doctolib: Primär Terminbuchung, aber zunehmend auch Videosprechstunden — besonders beliebt bei niedergelassenen Ärzten.
  • Dermanostic: Spezialisiert auf Dermatologie. Foto der Hautstelle schicken, innerhalb von 24 Stunden eine fachärztliche Einschätzung erhalten.
  • Fernarzt: Fokus auf Wiederholungsrezepte und unkomplizierte Diagnosen.

Bei den reinen Online-Praxen sehen Sie meist nicht Ihren gewohnten Arzt, sondern den nächsten verfügbaren. Für Routinefragen — eine Erkältung, eine Blasenentzündung, ein Hautausschlag — reicht das oft völlig aus. Bei komplexen oder chronischen Erkrankungen ist der eigene Arzt, der Ihre Vorgeschichte kennt, aber die bessere Wahl.

Das eRezept: Medikamente digital verordnet

Telemedizin in Deutschland: Online zum Arzt - illustration

Seit 2024 ist das eRezept für verschreibungspflichtige Medikamente Pflicht. Das rosa Papierrezept gehört der Vergangenheit an. Nach der Videosprechstunde landet das Rezept direkt auf Ihrer Gesundheitskarte oder in der eRezept-App der gematik.

Einlösung: drei Wege

  • Vor Ort: Gesundheitskarte in der Apotheke einlesen — das eRezept wird automatisch angezeigt
  • Per App: In der eRezept-App das Rezept an eine Apotheke Ihrer Wahl senden
  • Versandapotheke: Das eRezept digital an eine Versandapotheke übermitteln — das Medikament kommt per Post

Gerade in ländlichen Gebieten, wo die nächste Apotheke nicht um die Ecke liegt, ist die Kombination aus Videosprechstunde und Versandapotheke ein echter Gewinn. Sie sparen sich zwei Fahrten — zum Arzt und zur Apotheke.

Krankschreibung per Video — geht das?

Ja. Seit 2023 dürfen Ärzte auch bei einer reinen Videosprechstunde eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ausstellen — auch bei Erstdiagnosen und für bis zu sieben Tage. Die AU wird elektronisch an Ihre Krankenkasse und Ihren Arbeitgeber übermittelt (eAU). Sie müssen keinen gelben Schein mehr abgeben.

Es gibt allerdings Grenzen: Wenn der Arzt Sie körperlich untersuchen muss, um eine Diagnose zu stellen, wird er Sie in die Praxis bitten. Eine Videosprechstunde ersetzt eben nicht den Blick in den Rachen, das Abtasten des Bauches oder das Abhören der Lunge. Aber für viele Situationen — Erkältung, Magen-Darm-Infekt, bekannte Migräne — reicht das Video.

Kosten: Wer zahlt?

Gute Nachricht: Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten für Videosprechstunden genau wie für einen normalen Praxisbesuch. Sie zahlen keine zusätzlichen Gebühren. Die Vergütung läuft über die Kassenärztliche Vereinigung — genau wie bei einem Besuch vor Ort.

Bei den reinen Online-Arztpraxen kann es anders aussehen: Manche rechnen über die Kasse ab, andere verlangen eine Privatgebühr — typisch sind 20 bis 50 Euro pro Gespräch. Fragen Sie vorher, bevor Sie einen Termin buchen. Die meisten seriösen Anbieter machen die Kostenstruktur auf ihrer Website transparent.

Für Privatversicherte gilt: Videosprechstunden werden wie ein normaler Arztbesuch abgerechnet. Die Erstattung hängt von Ihrem Tarif ab.

Fernbehandlung: Was darf der Arzt per Video?

Die Berufsordnung für Ärzte erlaubt inzwischen die ausschließliche Fernbehandlung — auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt. Das war bis 2018 verboten und ein Quantensprung für die Telemedizin. Erlaubt ist im Prinzip alles, was ärztlich vertretbar ist:

  • Beratungsgespräche und Befundbesprechungen
  • Rezeptverlängerungen bei chronischen Erkrankungen
  • Erstdiagnosen bei eindeutigen Symptomen (Erkältung, Hautausschlag, Blasenentzündung)
  • Überweisung an einen Facharzt
  • Psychotherapeutische Sitzungen
  • Ernährungsberatung und Lebensstilberatung

Nicht geeignet ist die Videosprechstunde bei akuten Notfällen, bei unklaren Beschwerden, die eine körperliche Untersuchung erfordern, oder wenn bildgebende Diagnostik (Röntgen, MRT, Ultraschall) nötig ist. Auch bei Kindern unter zwei Jahren bevorzugen die meisten Ärzte den persönlichen Kontakt.

Telemedizin auf dem Land

Wo Telemedizin besonders viel bewirkt, ist dort, wo Ärzte rar sind: auf dem Land. Der Ärztemangel in ländlichen Regionen ist real — in manchen Landkreisen Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns oder Sachsens gibt es pro 10.000 Einwohner deutlich weniger Ärzte als in Berlin oder München. Wer in einem Dorf lebt und zum nächsten Hautarzt 60 Kilometer fahren muss, für den ist eine telemedizinische Ersteinschätzung Gold wert.

Mehrere Modellprojekte zeigen, wie es gehen kann: Telemedizinische Versorgungszentren, die von Gemeindeschwestern vor Ort und Fachärzten per Video betreut werden. Der Patient kommt ins Dorfgemeindehaus, die Schwester misst Blutdruck und nimmt Blut ab, der Arzt in der Stadt bespricht die Befunde per Video. Nicht perfekt, aber besser als eine Versorgungslücke.

Die Zukunft: Was noch kommt

Telemedizin wird sich weiterentwickeln. Wearables wie Smartwatches messen schon heute Herzrhythmus und Blutsauerstoff und können Daten direkt an den Arzt senden. Telemonitoring bei Herzinsuffizienz ist bereits Kassenleistung. Und KI-gestützte Symptomchecker werden besser — auch wenn sie den Arzt auf absehbare Zeit nicht ersetzen werden.

Datenschutz: Wie sicher ist die Videosprechstunde?

Die Frage nach dem Datenschutz kommt verständlicherweise häufig. Die kurze Antwort: Die Videosprechstunde ist sicherer als ein normales Telefonat. Die zertifizierten Plattformen nutzen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung — das bedeutet, dass niemand außer Ihnen und dem Arzt das Gespräch mithören oder mitsehen kann. Keine Aufzeichnung, kein Mitschnitt, keine Speicherung auf den Servern des Anbieters.

Die ärztliche Schweigepflicht gilt selbstverständlich auch digital — alles, was Sie in der Videosprechstunde besprechen, unterliegt dem gleichen Schutz wie im Sprechzimmer. Ihr Arbeitgeber, Ihre Versicherung oder sonstige Dritte erfahren nichts.

Wann die Videosprechstunde nicht reicht

So praktisch die Telemedizin ist — es gibt klare Grenzen. In diesen Situationen ersetzt der Bildschirm den persönlichen Kontakt nicht:

  • Körperliche Untersuchung nötig: Bauch abtasten, Lunge abhören, Reflexe prüfen — das geht nur vor Ort. Bei Bauchschmerzen, die länger als zwei Tage anhalten, sollten Sie in die Praxis.
  • Bildgebung nötig: Röntgen, Ultraschall, MRT — dafür müssen Sie physisch anwesend sein.
  • Blutabnahme nötig: Für Laborwerte braucht es eine Blutabnahme in der Praxis oder im Labor.
  • Akute Notfälle: Bei Brustschmerzen, Atemnot, starken Blutungen — 112 rufen, nicht die Videosprechstunde starten.
  • Säuglinge und Kleinkinder: Bei Babys unter 3 Monaten mit Fieber oder bei Kleinkindern mit unklaren Symptomen bevorzugen die meisten Ärzte den persönlichen Kontakt.

Die Telemedizin ist also kein Ersatz für die Arztpraxis, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Für Beratungen, Befundbesprechungen, Folgerezepte und psychotherapeutische Sitzungen ist sie hervorragend geeignet. Für alles, was Hände, Instrumente oder Geräte erfordert, brauchen Sie weiterhin den persönlichen Besuch bei Ihrem Arzt.

Häufige Fragen zur Telemedizin

Brauche ich eine spezielle App für die Videosprechstunde?

Meistens nicht. Die meisten Plattformen laufen im Browser. Manche Praxen nutzen eigene Apps — dann bekommen Sie eine Anleitung vorab. Wichtig ist nur ein halbwegs aktueller Browser und eine funktionende Kamera.

Kann jeder Arzt Videosprechstunden anbieten?

Im Prinzip ja, sofern er eine zertifizierte Plattform nutzt und die technischen Voraussetzungen erfüllt. In der Praxis bieten vor allem Hausärzte, Dermatologen und Psychotherapeuten Videosprechstunden an. Bei Chirurgen oder Radiologen macht es naturgemäß weniger Sinn.

Ist meine Videosprechstunde vertraulich?

Ja. Die Plattformen müssen nach KBV-Richtlinien Ende-zu-Ende verschlüsselt sein. Aufzeichnungen durch den Anbieter sind verboten. Die ärztliche Schweigepflicht gilt selbstverständlich auch digital.

Kann ich auch Facharzttermine per Video wahrnehmen?

Ja, immer mehr Fachärzte bieten Videosprechstunden an. Besonders verbreitet: Psychotherapie, Dermatologie, Innere Medizin, Endokrinologie. Für manche Fachrichtungen (Chirurgie, Radiologie, HNO mit Spiegelung) ist ein persönlicher Besuch aber unumgänglich.

Was mache ich, wenn die Verbindung während der Sprechstunde abbricht?

In der Regel ruft die Praxis Sie zurück oder sendet einen neuen Link. Keine Panik — das passiert häufiger, als man denkt, und die Praxen sind darauf vorbereitet. Falls die Verbindung gar nicht zustande kommt, wird der Termin verschoben. Kosten entstehen Ihnen dadurch nicht.

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