Notaufnahme oder Bereitschaftsdienst? Wohin bei Beschwerden
112 oder 116117 — welche Nummer im Notfall?
Die Antwort ist einfacher, als viele denken: Bei lebensbedrohlichen Situationen — Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Atemnot, starke Blutungen, Bewusstlosigkeit — rufen Sie sofort die 112. Bei allem anderen, was nicht bis zum nächsten Werktag warten kann, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 die richtige Adresse. Diese Unterscheidung kann im Ernstfall über Leben oder Tod entscheiden — und sie spart Ihnen stundenlanges Warten in einer überfüllten Notaufnahme.
Wann in die Notaufnahme?
Die Notaufnahme im Krankenhaus ist für echte Notfälle da. Das klingt selbstverständlich, aber die Realität sieht anders aus: Studien zeigen, dass bis zu 50 Prozent der Patienten in deutschen Notaufnahmen keine Notfälle sind. Die Folge: Überlastetes Personal, lange Wartezeiten für alle und frustrierte Patienten — sowohl die wirklich kranken als auch die, die eigentlich zum Bereitschaftsdienst gehören.
Klare Fälle für die 112 und die Notaufnahme
- Brustschmerzen mit Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken — Verdacht auf Herzinfarkt
- Plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen — Verdacht auf Schlaganfall. Merken Sie sich das FAST-Schema: Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache), Time (Zeit = sofort 112)
- Schwere Atemnot, die sich durch Ruhe nicht bessert
- Starke Blutungen, die sich nicht stillen lassen
- Bewusstlosigkeit oder starke Verwirrtheit
- Schwere Unfälle mit Knochenbrüchen oder Kopfverletzungen
- Allergischer Schock — Schwellung im Hals-/Rachenbereich, Kreislaufkollaps
- Vergiftungen, besonders bei Kindern
- Krampfanfälle, die länger als 5 Minuten dauern
Im Zweifel gilt: Lieber einmal zu viel den Rettungsdienst rufen als einmal zu wenig. Kein Arzt und kein Sanitäter wird Ihnen einen Vorwurf machen, wenn sich herausstellt, dass es kein Notfall war. Die Kosten trägt übrigens die Krankenkasse — auch wenn es kein Notfall war, solange Sie in gutem Glauben gehandelt haben.
Der ärztliche Bereitschaftsdienst (116117)
Die 116117 ist die Nummer der Kassenärztlichen Vereinigungen — bundesweit, kostenlos, rund um die Uhr erreichbar. Auch am Wochenende und an Feiertagen. Hier werden Sie telefonisch beraten und entweder an eine Bereitschaftspraxis in Ihrer Nähe verwiesen oder ein Arzt kommt zu Ihnen nach Hause — der sogenannte Hausbesuchsdienst.
Typische Fälle für die 116117
- Hohes Fieber am Wochenende, das nicht auf Medikamente anspricht
- Starke Halsschmerzen oder Ohrenschmerzen
- Magen-Darm-Infekt mit Erbrechen und Durchfall
- Rückenschmerzen, die plötzlich auftreten und die Bewegung stark einschränken
- Hautausschlag mit starkem Juckreiz
- Zahnschmerzen außerhalb der Praxiszeiten
- Harnwegsinfekt mit typischen Symptomen
- Verschlechterung einer chronischen Erkrankung, die nicht lebensbedrohlich ist
Bereitschaftspraxen: Wo und wann?
Viele Krankenhäuser haben inzwischen Bereitschaftspraxen direkt am oder im Gebäude. Das ist praktisch, aber verwirrend: Bereitschaftspraxis und Notaufnahme sind nicht dasselbe. Die Bereitschaftspraxis ist wie eine normale Arztpraxis — nur eben am Abend oder Wochenende geöffnet. Die Wartezeiten sind deutlich kürzer, die Atmosphäre ruhiger.
Öffnungszeiten variieren je nach Region, aber typisch ist: Werktags ab 19 Uhr, Mittwoch und Freitag ab 13 Uhr, Wochenende und Feiertage ganztägig. Auf der Website der 116117 oder über die App finden Sie die nächste Bereitschaftspraxis in Berlin, München, Hamburg oder Ihrer Stadt.
Wartezeiten: Was erwartet Sie?
In der Notaufnahme wird nach dem Manchester-Triage-System sortiert: Je schwerer der Fall, desto schneller werden Sie behandelt. Wer mit einer Erkältung kommt, wartet — zu Recht — deutlich länger als ein Herzinfarkt-Patient. Das System ist fair, aber für nicht-dringende Fälle frustrierend.
Typische Wartezeiten in der Notaufnahme:
- Rot (sofort): Lebensbedrohung — sofortige Behandlung, null Wartezeit
- Orange (10 Minuten): Sehr dringend — starke Schmerzen, hoher Blutverlust
- Gelb (30 Minuten): Dringend — deutliche Beschwerden mit potenziellem Risiko
- Grün (90 Minuten): Normal — stabile Beschwerden, keine unmittelbare Gefahr
- Blau (120+ Minuten): Nicht dringend — hier sollten Sie eigentlich zum Bereitschaftsdienst. In Stoßzeiten kann die Wartezeit auf 4 bis 8 Stunden steigen.
In der Bereitschaftspraxis geht es meistens schneller. Wartezeiten von 30 bis 60 Minuten sind üblich, aber deutlich kürzer als die Stunden, die in überfüllten Notaufnahmen keine Seltenheit sind.
Kinder: Besondere Anlaufstellen
Wenn Ihr Kind krank ist und die Kinderarztpraxis geschlossen hat, gibt es oft spezielle kinderärztliche Notdienstpraxen. Fragen Sie bei der 116117 gezielt nach. In größeren Städten haben Kinderkliniken eigene Notaufnahmen — dort arbeiten Kinderärzte, die auf die Versorgung kleiner Patienten spezialisiert sind.
Bei Kindern ist die Unsicherheit oft besonders groß: Ist das Fieber noch normal oder gefährlich? Grundsätzlich gilt: Bei Säuglingen unter 3 Monaten mit Fieber über 38 Grad immer sofort zum Arzt. Bei älteren Kindern ist Fieber allein meist kein Notfall — aber wenn Fieberkrämpfe, Nackensteifigkeit, ein Hautausschlag, der sich nicht wegdrücken lässt, oder anhaltende Bewusstseinsveränderungen dazukommen, sofort die 112 rufen.
Zahnärztlicher Notdienst
Bei Zahnschmerzen außerhalb der Sprechzeiten hilft der zahnärztliche Notdienst. Die Nummer finden Sie über die 116117, die Website Ihrer zuständigen Zahnärztekammer oder oft auch in der lokalen Tagespresse. Zahnärztliche Notdienstpraxen behandeln akute Schmerzen, Abszesse, abgebrochene Zähne und Unfallverletzungen im Mundbereich. Kosmetische Anliegen und Routinebehandlungen müssen bis zum nächsten Werktag warten.
Giftnotruf
Ein Sonderfall: Bei Vergiftungen — besonders bei Kindern, die Reinigungsmittel oder Medikamente geschluckt haben — rufen Sie den Giftnotruf Ihres Bundeslandes an. Die Nummern finden Sie online unter Giftnotruf plus dem Namen Ihres Bundeslandes. Die Experten dort können sofort einschätzen, ob es gefährlich ist und was zu tun ist. Halten Sie, wenn möglich, die Verpackung des geschluckten Produkts bereit.
Ärztlicher Bereitschaftsdienst vs. Rettungsdienst — die Unterschiede
Um es nochmal ganz klar zu machen:
- 112 (Rettungsdienst): Lebensbedrohliche Notfälle. Kommt mit Rettungswagen und Notarzt. Bringt Sie ins Krankenhaus. Reaktionszeit: wenige Minuten.
- 116117 (Bereitschaftsdienst): Dringende, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Praxisöffnungszeiten. Vermittelt an Bereitschaftspraxis oder schickt einen Arzt zu Ihnen. Reaktionszeit: 30 Minuten bis wenige Stunden.
- Hausarzt: Für alles, was bis zum nächsten Werktag warten kann.
Was Sie in die Notaufnahme oder Bereitschaftspraxis mitbringen sollten
Egal ob Notaufnahme oder Bereitschaftsdienst — bringen Sie folgendes mit, wenn möglich:
- Gesundheitskarte: Ohne sie werden Sie zwar behandelt, aber die Abrechnung wird kompliziert.
- Medikamentenliste: Alle Medikamente, die Sie aktuell einnehmen — Name, Dosierung, Häufigkeit. Ideal: eine aktuelle Kopie des Medikationsplans, den jeder Arzt ausstellen muss, wenn Sie drei oder mehr Medikamente nehmen.
- Allergiepass: Falls vorhanden — besonders Medikamentenallergien sind in Notfallsituationen lebenswichtig.
- Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung: Falls vorhanden und relevant.
- Impfpass: Besonders bei Verletzungen mit Tetanus-Risiko.
Wenn Sie für jemand anderen den Rettungsdienst rufen: Bleiben Sie am Telefon, beantworten Sie die Fragen der Leitstelle, und bleiben Sie bei der Person bis der Rettungsdienst eintrifft. Die Leitstelle gibt Ihnen telefonisch Anweisungen für Erste-Hilfe-Maßnahmen — auch wenn Sie keine Ausbildung haben. Jede Hilfe ist besser als keine.
Die richtige Entscheidung treffen
Eine einfache Faustregel: Fragen Sie sich — Könnte es lebensbedrohlich sein? Wenn ja: 112. Wenn nein, aber es kann nicht bis morgen warten: 116117. Und wenn Sie unsicher sind? Die 116117 berät Sie am Telefon und schickt Sie im Zweifel in die richtige Richtung. Eine telefonische Ersteinschätzung durch die 116117 dauert nur wenige Minuten und kann Ihnen stundenlange Wartezeiten ersparen.
Häufige Fragen
Kostet der Bereitschaftsdienst extra?
Nein. Als gesetzlich Versicherter zahlen Sie nichts extra. Bringen Sie Ihre Gesundheitskarte mit. Privatversicherte erhalten eine Rechnung wie beim normalen Arztbesuch.
Kann der Bereitschaftsarzt mich krankschreiben?
Ja, der Bereitschaftsarzt kann eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen — in der Regel für wenige Tage, bis Sie Ihren Hausarzt aufsuchen können.
Was mache ich bei einem Notfall im Ausland?
Die europäische Notrufnummer ist ebenfalls die 112 — sie funktioniert in allen EU-Ländern, der Schweiz, Norwegen und einigen weiteren Staaten. Sie wird auch in Fremdsprachen (meist Englisch) beantwortet.
Muss die Notaufnahme mich behandeln?
Ja. Kein Krankenhaus darf Sie bei einem Notfall abweisen. Es kann Sie aber — nach einer Ersteinschätzung — an den Bereitschaftsdienst verweisen, wenn kein Notfall vorliegt. Seit 2020 werden in vielen Kliniken Bereitschaftspraxis und Notaufnahme räumlich zusammengelegt, damit Patienten direkt an die richtige Stelle geleitet werden.
Gibt es eine App für den Bereitschaftsdienst?
Ja, die offizielle App der 116117 zeigt Ihnen die nächste Bereitschaftspraxis, deren Öffnungszeiten und bietet eine Ersteinschätzung Ihrer Beschwerden. Die App ist kostenlos und für iOS und Android verfügbar.